Beiträge von Louise Kenn

 

Die Rehe in den Wäldern. Autofahren in der Dämmerung, aus dem Augenwinkel beobachten ob sich etwas im Gebüsch bewegt, ein kleines paar Ohr hervorlugen könnte. Die konstante Angst sie könnten nicht zurück in den Wald springen, sondern auf die Autohaube. Ich hupe regelmäßig laut um sie zu warnen. Man hört mich schon von weitem kommen.

 

Die Vögel auf dem Wegstück von Darsikow nach Rägelin zwischen den Felder. Ich merkte es nicht einmal, als ich einen von ihnen überfuhr. Erst zehn Minuten später fahre ich den Weg zurück auf dem Fahrrad, und sehen das platte, blutige Vögelchen. Ich weiß, dass ich es gewesen sein muss, niemand ist in der Zeit in Darsikow angekommen oder weg gefahren, dass würde man mitbekommen bei 16 (gefühlten fünf) Einwohner:innen. Ich habe noch nie etwas außer Insekten überfahren. Ich halte einen Moment inne, fahre dann weiter. Ein paar Stunden später ist der Kadaver verschwunden.

 

Die Hunde, die an die Leine müssen in den Wäldern. Die beiden in der Pension, in der meine Künstlerwohnung ist, sind immer im Zwinger. Ich habe mich ihnen angenommen, habe ihnen Schleppleinen mit zehn Meter länge gekauft, gehe mit ihnen spazieren. Die kleinere von beiden springt zwischen die Bäume, verheddert sich, ich versuche sie zu befreien. In dem Moment in dem ich sie wieder zu Gesicht bekomme, trägt sie ein Bein eines Rehkitzes im Maul. Es ist nicht frisch, es muss ein schon totes Tier gewesen sein. Ich versuche es ihr aus dem Maul zu nehmen, aber sie lässt es sich nicht abnehmen. Ich warte bis sie es aufgegessen hat.

 

Die Katze auf dem Hof. Ich trinke ein Glas Weißweinschorle während ich den Sonnenuntergang beobachte. Sie springt neben mir durch das Gras, scheint mit etwas zu spielen. Nach einer Weile realisiere ich, dass es ein kleiner Vogel ist. Sie legt ihn eine Armlänge von mir entfernt kurz ab. Er atmet noch und blutet. Ich starre die Katze an, sie starrt zurück. Dann knallt sie mit der Pfote auf den kleinen Körper und befördern ihn durch die Luft. Er landet einen halben Meter weiter, sie springt hinterher. Ich beobachte sie noch weitere zehn Minuten während sie das Tier zu Tode spielt und trinke meine Weißweinschorle aus. Dann gehe ich ins Haus.

 

Die Hühner in der Hühnerfarm. Am Wegesrand flache, graue, längliche Gebäude, fein säuberlich aufgereiht. Sie erinnern an ein tristes Gefängnis. Manchmal kommt einem der Lastwagen mit Lebensinhalt entgegen. Die Hühner hört man nie.

 

Die Falken die über den Feldern ihre Kreise ziehen.

 

Die aufgequollenen Fische, angefressen am Rande des Sees.

 

Der Nachbar, der vom Wolf erzählt und den frisch gerissenen Hühnern.

 

Die Jägerhochstände, überall.

 

In der erzwungenen Auseinandersetzung mit dem Tod der Tiere und dem beiläufigen Erleben desselben finde ich Ruhe. Sehe ich in der Stadt eine tote Taube die noch nicht verräumt wurde, dann ekelt sie mich an. Hier beobachte ich die Auseinandersetzung der Menschen mit dem Tod. Dem Tod ihrer Hunde und Katzen. Dem Tod der Mäuse und Vögel, die ihre Hunde und Katzen nach Hause bringen. Dem Tod der gerissenen Hühner der Nachbarn. Dem Tod der Schafe, die es dann beim Biobauern als Salami zu kaufen gibt. Und ich erkenne in mir ein Gefühl von Gleichgewicht, die diese Beobachtungen mit sich bringen. Unabhängig von den offensichtlichen Überlegungen von Massentierhaltung und der Frage nach dem Eingriff des Menschen in das Leben der Tiere, ist es doch eine wertvolle Beobachtung zu sehen, wie der Tod Teil des Lebens ist, und ihn auch so beiläufig zu erleben.

Als Kind wuchs ich teilweise in Südfrankreich auf dem Land auf. Dort haben mich meine Eltern alleine Stundenlang über die Felder und Wälder spazieren lassen. Auch dort war ich konstant mit dem natürlichen und gewaltsamen Tod von Tieren konfrontiert. Sich schon als Kind mit dem Tod auseinander zu setzen führt jedoch zu einem besseren Verständnis von dem Wert des Lebens, und zu erkennen wie der Kreis des Lebens funktioniert, und in ihm einen Trost zu sehen, auch wenn geliebte Menschen versterben.

Während ich die Katze beobachtete, die den Vogel zu Tode spielte, hatte ich keinen Drang dazwischen zu gehen. Was sollte ich auch tun, der Vogel war schon halb tot, ich hätte ihm höchstens Qualen ersparen können indem ich ihn schneller töte. Aber stattdessen saß ich nur da, und bemerkte ein erstaunliches Gefühl in mir ausbreiten. Ein Gefühl, dass ich aus meiner Kindheit kannte. Ein Gefühl von „so ist die Welt eben“. Und das nicht zynisch oder bedauernd. Fast meditativ hinnehmend. Und darin einen Wert erkennen. Einen Wert von Leben, der mich zur Ruhe bringt.

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