Seeigel in Brandenburg

Kyritz-Ruppiner Heide

Die Heide leuchtet in einem Violett, das durch den Kontrast des tiefhängenden, in den Wolkenkonturen dunklen Himmels, umso kräftiger erscheint. Dabei sind die lila Blüten nur das äußerste Ende dieser Sträuche, mit denen die Heide über und über bedeckt ist. Unter diesem Violett ist ganz viel Grün, dunkles Grün haben die Ärmchen dieser Sträucher und an anderen Stellen fast schon gelbes Hellgrün. Und dazu das nahezu Neongrün der Farne, die immer mal wieder den Weg säumen. Gelbes Gesträuch. Pistazienfarbenes Moos. Weit im Hintergrund die dunkle Idee einer Baumkette.

Der sandige Weg selbst ist durchsetzt von Gras, das sich durch den Staub einen Weg bricht, und auch von kleinen, stacheligen, im allerhellsten Grün funkelnden Nadelklumpen. Sind es erste Schritte einer Fichte?

Sie sehen zugleich außerirdisch und unterwässrig aus. Ich nenne sie Seeigel.

Einerseits passen sie zu diesem sowieso so andersweltlichen Ort, an dem die Farben, die Weite, die Pflanzen, wieder die Farben, die Wege, die Aussicht und die Einzelheiten, ja vor allem die Farben, um die Wette flimmern. Hier passt jede Art von Pflanze – blühend und duftend wie Lavendel, großflächig und behäbig wie Moos, sich reckend, sich ausbreitend, am Wegesrand, fernab vom Weg, überall sprießend, strauchelnd, ineinander greifend. In diese Landschaft kann eigentlich keine Pflanze nicht gehören.

Und doch: andererseits wirken diese Seeigel wie Fremdkörper, die sich auf den Sandwegen platziert haben.

Dieses Markierstiftmoderngrüne zwischen all diesen Wasserfarbklassischkastentönen.

Mein Blick bleibt immer wieder bei ihnen hängen. Mir kommt es so vor, als könnten sie sich einfach weiterbewegen, wie Unterwassertiere, als müsste man darauf achten, nicht auf sie draufzutreten, weil ihre Stacheln sich tief in den menschlichen Fuß graben könnten.

Und dann denke ich: Wenn diese Heide für irgendetwas der Beweis ist, dann dafür, dass diese Seeigel sich tatsächlich weiterbewegen können. Dass die Natur sich bewegt, sich ausbreitet, sich zurücknimmt, erblüht, einlädt und eingrenzt. Denn die Wege zwischen den Heideflächen sind uns zugedacht, sie grenzen uns ein, und wir wandern, eingeschüchtert und abenteuerlustig, staunend und demütig, dazwischen, während sich die Ausbreitung der Seeigel zwischen unseren Schuhen bis in die Kyritz-Ruppiner Heide vordrängt. Die Natur bewegt sich, in einer eigenen Geschwindigkeit, man könnte auch sagen: in vielen, eigenen Geschwindigkeiten. Wie in vielen eigenen Farben.

Und es wäre schon auch gut, denke ich, nicht überall einfach draufzutreten.

Vorheriger Beitrag
Ein gar nicht so enges Feld
Nächster Beitrag
Der Hintergrund, der keiner ist
Menü